März 2018: Kiebitze in den Leinepoldern

Kiebitz mit Regenwurm // Gaby Schulemann-Maier
Kiebitz mit Regenwurm // Gaby Schulemann-Maier

Im Spätwinter und zeitigen Frühling halten sich in den Leinepoldern neben vielen anderen Vögeln oft auch Kiebitze auf. Wegen ihrer faszinierenden Balzflüge und ihres besonderen Aussehens lohnt es sich, Ausschau nach diesen Watvögeln zu halten.

Es ist noch gar nicht so lange her, da war der Kiebitz in vielen Teilen Deutschlands zu den Zugzeiten im Spätwinter sowie im Spätsommer und Herbst in großer Zahl zu sehen. Auch Bruten gab es an etlichen Stellen. Doch leider ist es dem Kiebitz wie vielen anderen Vögeln nicht gut ergangen, seine Bestände sind geschrumpft. Umso erfreulicher ist es, dass sich diese schönen Vögel in den Leinepoldern vergleichsweise oft beobachten lassen.

Kiebitz // Gaby Schulemann-Maier
Kiebitz // Gaby Schulemann-Maier

Herr und Frau mit Holle

Etwa so groß wie eine Taube ist der Kiebitz, sein Körper ist 28 – 31 cm lang. Er hält sich bevorzugt auf dem Boden auf, in Bäumen landet er nie. Sie Flügelspannweite beträgt circa 70 – 80 cm und wenn er die Schwingen ausbreitet, dann fällt die große und breite Form der Flügel auf. Sie tragen den Kiebitz jedes Jahr zweimal zuverlässig über weite Strecken, denn er ist ein Zugvogel. Die meiste Individuen, die sich im südlichen Niedersachsen beobachten lassen, sind dort auf der Durchreise und rasten zum Beispiel in den Leinepoldern. Deshalb stehen die Chancen auf Sichtungen von Februar bis April recht gut.

Das wohl auffälligste Merkmal des Kiebitzes ist seine Federhaube, die zwei lange „Zipfel“ aufweist. "Diese Haube wird beim Kiebitz Holle genannt und während der Brutsaison ist sie bei den Männchen länger als bei den Weibchen", weiß Thomas Spieker von den Naturscouts Leinetal e. V. Rein weiß sind die Federn am Bauch, darüber befindet sich ein scharf abgegrenztes, schwarzes Brustband. Auf der Oberseite sind die Flügel grau-grün gefärbt und sie zeigen einen metallischen Glanz. "Bei genauer Betrachtung – beispielsweise durch ein Fernglas – wird vor allem im Sonnenschein der blau-violette, oft grünlich eingefasste Schulterfleck sichtbar", erläutert der Vogelkenner Spieker.

"Es ist ratsam, diese eher scheuen Vögel nur aus der Ferne zu betrachten und nicht einfach auf die Wiesen zu gehen, auf denen sie stehen. Das würde die Kiebitze verjagen", mahnt Spieker. In den Leinepoldern herrscht ein Wegegebot, zum Schutz der Wildtiere dürfen die Wege also nicht verlassen werden. Für mitgebrachte Hunde gilt es ebenfalls und sie sind an der Leine zu führen. Würden die Vierbeiner in einen Trupp Kiebitze rennen, würde man die Vögel nur noch bei der Flucht beobachten können. Viel schöner ist es, entspannte und sich sicher fühlende Kiebitze zu beobachten, die umherlaufen und am Boden nach Nahrung suchen oder die vielleicht sogar ihre faszinierenden Balzflüge zeigen.

Kiebitz im Flug // Hermann Daum/naturgucker.de
Kiebitz im Flug // Hermann Daum/naturgucker.de

Flugeinlagen mit "Soundeffekten"

"Ihre breiten Flügel ermöglichen es den Kiebitzen, im Flug akrobatische Manöver zu zeigen. Sie gaukeln manchmal am Himmel entlang wie riesige Schmetterlinge oder fliegen Scheinangriffe auf unsichtbare Feinde, um ihre Geschicklichkeit zu zeigen", beschreibt Spieker den Flugstil dieser Watvögel. "Hört man genau hin, kann man bei den Balzflügen der Kiebitze häufig ein wummerndes Geräusch hören", so der Naturscout. "Dieses Wummern rührt daher, dass die Federn beim Schlagen der Flügel in Vibration versetzt werden."

Seinen Namen hat der Kiebitz wegen seiner Rufe, die wie "kiju-wit" klingen. Sie werden vor allem während der Brutzeit häufig vorgetragen. Und das kann man in der Gegend um die Leinepolder im Frühling mit etwas Glück hören. Denn Kiebitze mögen die Region, um hier mit wenigen Paaren ihren Nachwuchs großzuziehen.

Junger Kiebitz // Axel Aßmann/naturgucker.de
Junger Kiebitz // Axel Aßmann/naturgucker.de

Kinderstube auf dem Boden

Lebensräume wie offene Weidelandschaften, Marschwiesen und Ähnliches werden vom Kiebitz bevorzugt. Die Eier werden auf dem Boden gelegt – auch zum Brüten zieht es Kiebitze also nicht in Bäume. Meist befinden sich vier Eier im Nest, die von beiden Altvögeln abwechselnd bebrütet werden. Nach drei bis vier Wochen schlüpfen die Jungen, die schon kurz nachdem sie zur Welt gekommen sind laufen können.

"Als sogenannte Nestflüchter verlassen junge Kiebitze unter der Aufsicht ihrer Eltern meist unmittelbar nach dem Schlüpfen das Nest", weiß Thomas Spieker. "Die Familie trippelt umher und sucht auf dem Boden nach Nahrung, darunter Würmer, Insekten und anderen kleinen Tieren. Pflanzenteile fressen sie nur selten." Weil die Küken in den ersten zehn Tagen ihres Lebens ihre Körpertemperatur noch nicht selbst regulieren können, müssen die Eltern sie zwischendurch immer wieder wärmen. Kälteeinbrüche treffen junge Kiebitze besonders hart, weshalb sehr viele Jungvögel bei ungünstiger Witterung schon bald nach dem Schlüpfen sterben.

Kiebitz // Hermann Daum/naturgucker.de
Kiebitz // Hermann Daum/naturgucker.de

Wehrhafte Eltern

Doch nicht nur die Witterungsverhältnisse können für junge Kiebitze zur Gefahr werden. Sie sind gegenüber Fressfeinden wehrlos, denn sie können zwar laufen, aber anfangs noch nicht fliegen – diese Fähigkeit erlernen sie erst im Alter von etwa fünf Wochen. "Junge Kiebitze verharren bei Gefahr oft ganz ruhig und sind dann kaum zu sehen. Ihre Eltern fliegen zudem Angriffe auf sich nähernde Feinde und sie versuchen, diese von ihrem Nachwuchs wegzulocken", beschreibt Spieker das Verhalten der wehrhaften Eltern. Sie greifen dabei aus der Luft sogar Feinde an, die deutlich größer als sie selbst sind, also zum Beispiel Füchse.

Es bleibt zu hoffen, dass die Kiebitze in der nächsten Brutsaison möglichst erfolgreich sein werden, denn bedauerlicherweise gilt die Art – nicht nur in Deutschland – als stark gefährdet. Neben natürlichen Ursachen wie Kälteeinbrüchen oder Hochwasser während der Brutsaison oder Angriffen durch Fressfeinde ist vor allem die Zerstörung oder Veränderung des Lebensraumes durch den Menschen ein maßgeblicher Grund für Bestandsrückgänge beim Kiebitz.

Wie viele Kiebitze es aktuell in Deutschland gibt, weiß niemand so genau. Anfang des 21. Jahrhunderts schätzte man ihre Population hierzulande auf 67.000 bis 104.000 Brutpaare. Der große Unterschied zwischen den beiden Werten zeigt, wie dünn die Informationslage ist. "Es wäre wünschenswert, wenn Kiebitzbeobachtungen gemeldet würden, zum Beispiel auf naturgucker.de", erläutert Spieker. "Das verursacht nur wenig Aufwand und jeder kann dabei helfen, eine größere Datenbasis zur Beurteilung der Bestandssituation dieser Vögel zusammenzutragen." Übrigens lassen sich die Beobachtungen auch mit der kostenlosen Naturerlebnis-Leinepolder-App melden, die die Daten an naturgucker.de überträgt. Und wer möchte, kann sich geführten Wanderungen der Naturscouts rund um die Leinepolder anschließen, um gemeinsam mit den Naturkennern auf die Suche nach Kiebitzen und anderen interessanten Tieren zu gehen.