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Januar 2018: Einblicke in das Verhalten der Vögel der Leinepolder

Dass sich Menschen in verschiedenen Situationen jeweils unterschiedlich verhalten, verwundert niemanden. Doch auch Vögel zeigen nicht immer dasselbe Verhalten, und sie werden dabei stark von den Jahreszeiten beeinflusst. Bei den gefiederten Bewohnern der Leinepolder lässt sich dies im Winterhalbjahr gut beobachten.

Die Naturschutzgebiete zwischen Einbeck und Northeim sind als Paradies und sicherer Rückzugsort für Wasservögel bekannt. Kleinere Singvögel, Rabenvögel und weitere Arten wie Greifvögel kommen dort ebenfalls vor. Manche Vögel verbringen nur den Winter in dieser Gegend, andere leben dort ganzjährig.

Bei letzteren lassen sich die jahreszeitlich bedingten Veränderungen ihres Verhaltens besonders gut mitverfolgen. Doch auch die Überwinterer verhalten sich keineswegs ständig gleich. Wer sich genauer damit befasst und über einen längeren Zeitraum regelmäßig die Vögel betrachtet, wird faszinierende Details bemerken können.

Kräfte schonen im Winter

Während des Winters ist es für die meisten Vogelarten sowie für viele andere Tiere wichtig, mit ihren Kräften zu haushalten. Die Nahrungsbeschaffung wird mitunter durch die Witterung erschwert: Bei gefrorenem Boden können zum Beispiel Amseln keine Regenwürmer aus dem Erdreich ziehen, gefrorene Gewässer stellen Wasservögel hinsichtlich ihrer Nahrungssuche im Wasser vor eine große Herausforderung und eine geschlossene Schneedecke versperrt beispielsweise den Gänsen den Zugang zum Gras oder nimmt Greifvögeln wie den Mäusebussarden die Sicht auf Mäuse, die einen großen Teil ihrer Beute ausmachen.

"Als Vogel tut man gut daran, in solchen Zeiten keine Kraft zu verschwenden, wie es beim häufigen Fliegen der Fall wäre", erläutert Thomas Spieker von den Naturscouts Leinetal e.V. "Um sich fliegend fortzubewegen, müssen Vögel verhältnismäßig große Muskeln bewegen, was jede Menge Energie verbraucht, die sie ihrem Körper über die Nahrung zuführen müssen." Da liegt es auf der Hand, dass in Zeiten knapper Nahrung mit den Kraftreserven unbedingt sinnvoll zu haushalten. Vögel wissen dies instinktiv. Viele von ihnen fliegen nicht mehr als unbedingt nötig.

"Besucher der Naturschutzgebiete sollten das Wegegebot beachten. Zum Wohle der Tiere sollten sie die Wege nicht verlassen und ihre Hunde angeleint bei sich führen. Denn wer querfeldein läuft – sei es ein Mensch oder ein Vierbeiner -, der könnte Vögel aufschrecken", weiß Spieker. Gerade die in den Leinepoldern zu tausenden überwinternden Gänse fliegen dann meist erschrocken auf und drehen etliche Runden, bis sie sich wieder beruhigen. "Sie verschwenden dabei wichtige Energie, die sie im Winter zum Überleben brauchen und die benötigt wird, um nach und nach Fettreserven für den kräftezehrenden Flug in die Brutgebiete anzulegen. Diese lange Reise steht nach der entbehrungsreichen Überwinterungszeit für die Gänse und andere Zugvögel unweigerlich an", so Spieker.

Gruppen bieten Vorteile

Überblickt man im Winter die Leinepolder, sind an manchen Stellen stattliche Gruppen von Wildgänsen zu sehen. In den kalten Monaten des Jahres versammeln sich diese Vögel, was ihnen unter anderem den Vorteil bringt, dass ein solcher Trupp sehr viele wachsame Augen hat. Versucht sich ein Fressfeind wie ein Fuchs zu nähern – oder eben verbotenerweise ein freilaufender Hund -, sieht das garantiert irgendeine der vielen Gänse und schlägt sofort Alarm, woraufhin die Vögel fliegend flüchten. Dagegen sind einzelne Gänse vor allem wenn sie tagsüber dösen deutlich mehr in Gefahr, weil Fressfeinde für sie eher unbemerkt bleiben als für eine große Gruppe von Vögeln.

Was sich meist nicht beobachten lässt, aber dennoch vorkommt, ist das nächtliche "Gruppenkuscheln" kleiner Vögel. "Zaunkönige gehören mit 9 cm Körperlänge zu den kleinsten Singvögeln in Deutschland", weiß der Naturscout Spieker. "In kalten Winternächten bilden die während des Sommers eher einzelgängerischen Vögel Schlafgemeinschaften an windgeschützten Stellen. Bis zu 20 Individuen kuscheln sich nachts aneinander, um den Wärmeverlust gering zu halten." Ähnlich handhaben es übrigens die Gartenbaumläufer. Diese circa 12 cm großen Singvögel sind sehr unauffällig, kommen aber in den Leinepoldern und in ihrer Umgebung ebenso wie der Zaunkönig vor.

Frühlingsgefühle

Bereits im Spätwinter zeigen sich Änderungen im Verhalten der Vögel. Bei den Wasservögeln der Leinepolder lassen sich erste Vorboten der bevorstehenden Fortpflanzungsperiode beobachten. Blässhühner fangen an, miteinander zu kämpfen. Die Haubentaucher stecken ebenfalls oft schon ihre Reviere ab. Bei den Enten sind zusehends häufiger wilde Verfolgungsjagden an der Tagesordnung, bei denen die Männchen den Weibchen nachstellen oder einander davonzujagen versuchen.

"Die in und rund um die Leinepolder lebenden Mäusebussarde beginnen häufig bereits ab Mitte Februar mit ihren Balzflügen, bei denen sich die Paare kreisend immer höher schrauben und Rufe ausstoßen. Dann lassen sie sich fallen und gleiten in kurvigem Flug am Himmel entlang, manchmal drehen sie sich dabei umeinander", beschreibt Spieker dieses Naturschauspiel. Auf geführten Wanderungen mit den Naturscouts lässt sich dies mit etwas Glück manchmal beobachten.

Und noch etwas fällt auf: Während des Winters haben die kleinen Singvögel der Leinepolder ihresgleichen noch in ihrer Nähe geduldet, doch spätestens ab März fangen viele Arten an, Reviere zu besetzen und diese zu verteidigen. Mit fortschreitendem Frühling tragen sie zudem wieder ihre Gesänge vor, die während der kalten Jahreszeit nicht zu hören gewesen sind. Für viele Menschen sind die Vogelgesänge im Frühling eines der wichtigsten Anzeichen dafür, dass die Gefiederten gewissermaßen Frühlingsgefühle haben.

Zugunruhe

Bei den überwinternden Gänsen, die sich in den Wintermonaten eher ruhig verhalten haben, macht sich im Spätwinter eine deutliche Aufbruchstimmung bereit. Sie werden von der sogenannten Zugunruhe erfasst. Instinktiv spüren sie, dass sie sich bald auf die lange Reise in ihre Brutgebiete hoch im Norden Europas und Eurasiens begeben müssen. "Die Vögel werden insgesamt lauter, bewegen sich mehr und fliegen öfter mal kleinere Runden", weiß Thomas Spieker. "Weil es im Spätwinter deutlich länger hell ist als noch einige Wochen zuvor, haben die Vögel mehr Zeit für die Nahrungsbeschaffung und sie können es sich leisten, agiler zu werden."

In fernen Ländern im Süden erfasst die Zugunruhe zeitgleich die kleinen Singvögel, die den Winter beispielsweise in Afrika verbracht haben. Ihre innere Uhr sagt ihnen, wann sie aufbrechen müssen, um zum passenden Termin in Mitteleuropa oder vielleicht sogar in den Leinepoldern ihr Brutrevier besetzen zu können. Spaziergängern fällt dies in dem Gebiet dadurch auf, dass sich zum Frühling hin wieder deutlich mehr Vogelarten zeigen als im Winter.